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Muss das AKW Beznau vom Netz, weil es nicht erdbebensicher ist? Der Bevölkerung werde ein hohes Risiko zugemutet, findet ein ehemaliger Bundesangestellter.


Es sind schwere Vorwürfe, die André Herrmann erhebt: «Der Bundesrat missachtet die Grundsätze des Strahlenschutzes und des Vorsorgeprinzips.» Es dürfe nicht sein, dass in einem Land wie der Schweiz der Bevölkerung ein so hohes Risiko zugemutet werde. Herrmann hat von 2005 bis 2012 die eidgenössische Kommission für Strahlenschutz (KSR) präsidiert. Das ist jenes Expertengremium, das den Bundesrat bei Fragen des Strahlenschutzes berät.

Aufgeschreckt hat Herrmann die vom Bundesrat geplante Revision jener Verordnungen, die für die Sicherheit von Atomkraftwerken massgeblich sind; die Vernehmlassung dazu endet morgen. Heftig umstritten ist die Frage, wie viel Radioaktivität die Menschen maximal ausgesetzt sein sollen, wenn ein schweres Erdbeben – wie es nur einmal alle 10’000 Jahre auftritt – ein Atomkraftwerk erschüttert. Die Atomaufsichtsbehörde des Bundes (Ensi) wendet einen Grenzwert von 100 Millisievert an. Das ist hundertmal höher, als es die Atomgegner fordern. Wer recht hat, ist juristisch umstritten; der Fall, der das AKW Beznau betrifft, ist beim Bundesverwaltungsgericht hängig.

Wo die Limite festgesetzt wird, ist entscheidend. Wird sie überschritten, muss ein Meiler zumindest für Nachrüstungen vom Netz. Der Bundesrat will den skizzierten Zwist beenden. In seinem erläuternden Bericht zur geplanten Revision räumt er ein, dass die aktuellen Bestimmungen «unklar» sind. Indem er den Grenzwert bei 100 Millisievert festlegt, will er «wieder Rechtssicherheit» herstellen – für die Atomgegner ein Eingeständnis, dass das Ensi die geltenden Bestimmungen falsch anwende und die geplante Revision nichts anderes als eine «Lex Beznau» sei.

Nach Tschernobyl «grosse Unsicherheit»

«Eine Dosis von 100 Millisievert in einem Jahr darf keinesfalls bagatellisiert werden», sagt Herrmann, der heute als Berater in technischen Risiken tätig ist. Der gesetzliche Grenzwert für die Strahlendosis liegt in der Schweiz für die Bevölkerung generell bei 1 Millisievert pro Jahr, bei beruflich strahlenexponiertem Personal bei 20 Millisievert. Definiert der Bundesrat den Grenzwert nun bei 100 Millisievert, besteht die Gefahr, dass die Bevölkerung in der Umgebung eines Atomkraftwerks entsprechend verstrahlt wird.

In diesem Fall würden fünf Promille der Menschen, die weniger als 20 Kilometer entfernt von einer Atomanlage wohnen, an Krebs erkranken und vorzeitig sterben, je nach Atomanlage also 1000 bis 2000 Menschen. Das sagt Herrmann mit Verweis auf Berechnungen der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP). Zudem, so Herrmann weiter, müssten alle Menschen in der Umgebung eines Atomkraftwerks lebenslang befürchten, dass sie selbst und/oder ihr Umfeld zu den «Unglücklichen» gehörten. «Diese Ungewissheit erschwert das tägliche Leben der gesamten exponierten Bevölkerungsgruppe.»

Herrmann, ehemaliger Basler Kantonschemiker, erinnert an die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986. Im ersten Jahr danach lag laut Bundesamt für Gesundheit die zusätzliche Strahlendosis in der Schweiz bei durchschnittlich 0,5 Millisievert, für die am stärksten betroffenen Menschen bis zu 5 Millisievert. «Trotzdem war die Unsicherheit in der Bevölkerung gross», sagt Herrmann.

Ensi sieht «keine Abstriche bei der Sicherheit»

Mit seiner Einschätzung steht Herrmann nicht allein da. Die Vernehmlassung war begleitet von scharfer Kritik der SP, Grünen und Umweltverbände. Die lauten Proteste haben das Ensi am 23. März zu einer Stellungnahme bewogen: Die geplante Revision, so das Ensi, «macht keine Abstriche bei der Sicherheit». Der Dosiswert von 100 Millisievert sei konform mit internationalen Vorgaben, in den USA gelte ein Grenzwert von 250 Millisievert, in Deutschland 50.






https://www.derbund.ch/schweiz/standard/beznaugrenzwert-schreckt-strahlenschutzexperten-auf/story/21851755






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